Sommerausstellung in der Bethlehemkirche

 

Die diesjährigen Ausstellung ‚Sandstein. Stadt und Gebirge‘ mit Bildern des Malers Christian Reinicke ist in Zusammenarbeit mit der Stiftung ‚Kunst und Berge‘ beim Sächsischen Bergsteigerbund entstanden.

In ihr ist auch das Bild „Großer Dom“ zu sehen. Es zeigt den von Sandsteinriffen gebildeten Felskessel im Nationalpark Sächsische Schweiz mit den Gipfeln Domwächter und Rohnspitze.

Dr. Ulrich Voigt, Mitglied des Stiftungsrates hat zu diesem Bild einen Text geschrieben, den er uns in einer gekürzten Fassung zur Verfügung stellt:

Domwächter und Rohnspitze - zu einem Bild von Christian Reinicke (1937-2016)

Da stehen sie, die beiden Türme. Wirklich auch der Gestalt nach Türme. Zusammen geboren und danach bis auf den Grund getrennt, gespalten. Gleichzeitig leicht und gewaltig. Geschwister mit unverkennbarer Ähnlichkeit in Gestalt und Größe.
Brüder? Weiblich wirken sie aufs Erste nicht. Oder hat doch die Rohnspitze zur Linken etwas mehr Rundungen? Wenn ich mich dann in die Gesichter ihrer Gipfelköpfe vertiefe, scheint mir doch links ein Mädchen verschmitzt zu lächeln, geschützt gegen den rauhen Westwind vom Tal durch einen älteren unordentlich behelmten Bruder zu sein, der leicht mürrisch gegen die Sonne schaut. Sie wachsen vom Boden hinauf zum Himmel, scheinen ihn zu berühren, oder schicken sich gerade erst dazu an. Lassen sich von Wolken umspielen, liebkosen. Erdbraun der Grund, aus dem sie stammen. Steingewordener Sand, weitergegeben ins zarte Gelbbraun der lichten Westseiten, die schattige Nordflucht geheimnisvoll verhüllt, aber nicht dunkle Fläche, sondern lebendig durch erahnbare Strukturen. Umsäumt vom grünen Kranz der lebenden Natur.
Das ist in Wirklichkeit unser Felsgebirge: nicht kahl und nur schroff, sondern wuchtig und lieblich zugleich! Belebt durch hellgrüne Birken und beruhigt durch dunkler Kiefern graugrünes Geheimnis. Aus dem Schatten der Schlüchte zum Lichte strebend, steigen sie herauf mit kantig scharfem Antlitz.
Sie sind trotz ihrer majestätischen Größe nicht abweisend. Sie ziehen mich zu sich, erwecken den Wunsch, hinaufzusteigen – möglichst in der sonnigen anderen Seite. Sie sprechen mit mir, diese Geschwister. Oder singen sie? Es ist ein starker Gesang, ein fester vorwärtsdrängender, Andante, Grave – schreitend schwer. „Komm!“ ist die Grundstimmung und nicht „Bleib fern!“.
Wieso sind sie so selbständig, losgelöst, räumlich, obwohl Teil eines Ganzen? Von hier unterhalb ihres Sockels überragen sie das eigentlich höhere Massiv dahinter. Der Künstler hat die Kanten verdunkelt, wo es auf Körperlichkeit ankommt. Außerdem sinkt das Riff zur Rechten gegen den Turm hin ab. Wunderbare Gestalthaftigkeit durch perspektivisch schräge Zeichnung der horizontalen Bänder und Strukturen. Die Kamine und Risse nehmen die Linien der Kanten auf, die unser Felsenland so auffällig machen gegenüber dem gewohnten horizontal gewellten Bilde hügeliger Landschaften. Alles Vertikale wirkt auf uns besonders großartig!

Ich sitze da draußen in der Halle des Großen Doms und lasse das Kunstwerk auf mich wirken. Das gottgeschaffene und das vom Künstler übermittelte. Ist Gott der Künstler – oder macht Gott Künstler aus Menschen, die seine Kunstwerke erfassen und kunstvoll uns übermitteln können? Er macht aus jedem von uns einen Künstler, wenn wir nur unsere eigene Aufmerksamkeit willig und ehrfurchtsvoll auf sie richten.

 

Die Ausstellung kann bis zum 15. September während der Gottesdienste und Veranstaltungen, sowie zu den Öffnungszeiten der Offenen Kirche, mittwochs 17-19 Uhr, angesehen werden.

 

Bilderpredigt von Pfarrer Dr. Hans-Peter-Hasse am Sonntag, 1. August 2021, zum Bild "Metamorphose - Stadt am Strom"